Ich gebe es zu! Ich selbst gehörte zu jenen Menschen, die lange dachten: „Zu viele Aufträge sind ein Luxusproblem!“ Denn immer habe ich ausreichend Mitarbeiter gefunden, um Aufträge abzuarbeiten. Seit einiger Zeit bin ich da etwas vorsichtiger geworden.

Aber heute erhielt ich einen Anruf, der mich wirklich erschreckte und wachrüttelte. Geahnt hatte ich es bereits seit Längerem. Die Effekte und Konsequenzen hatte ich aber vollkommen unterschätzt.

Dieser Anruf kam aus einem Unternehmen, welches sich in den letzten 12 Monaten von rund 10% der Mitarbeiter (ca. 80) getrennt hatte. Selbst als die Aufträge anzogen, wurde das Schlankheitsprogramm „Fit for Rendite“ weiter fortgesetzt. Als Zulieferer der Automobilindustrie hatte das Unternehmen zunehmend Kapazitäten an Konkurrenten verloren. Nur, dass diese mit Kampfpreisen arbeiteten, die sie selbst in den Ruin führten. Die Folge: Aufträge kamen zurück, und zwar in ungeahnter Höhe und zu optimalen Verkaufspreisen.

Der aktuelle Anzug der Aufträge trifft nunmehr auf einen absolut leer gefegten Arbeitsmarkt. Von den 80 freigesetzten Mitarbeitern könnten 80 sofort beginnen und zusätzlich 40 Freunde mitbringen. Nur ist keiner mehr da, sondern alle – wirklich jeder Einzelne – wieder in Arbeit.

Schlimmer noch: der osteuropäische Lohnfertiger, der bei Auftragsspitzen schon mal für die notwendige Flexibilität sorgte, ist überbucht und hat seinerseits keine weiteren Kapazitäten. Selbst Leiharbeitsfirmen winken ab, denn auch ihnen fehlt entsprechendes Personal.

Dem Betriebsrat laufen die Mitarbeiter die Bude ein, denn seit drei Monaten gibt es keinen freien Samstag mehr. Der Betrieb läuft zweischichtig – eigentlich. Nur, dass jede Schicht seit 12 Wochen nunmehr 9-10 Stunden umfasst. Das heißt, die Mitarbeiter arbeiten bis zu 60 Stunden die Woche. Es zeichnet sich bereits ab, dass der Betriebsrat in 2018 nicht wiedergewählt wird, wenn es zu keiner vernünftigen Regelung kommt.

Sämtliche Arbeitszeitkonten sind kurz vor der Explosion. Das sehr arbeitgeberfreundliche Arbeitszeitgesetz wurde bis an die legale Grenze ausgereizt. Nun greift der Passus der 48-Stunden-Woche verteilt auf einen 24-Wochen-Rhythmus. Das heißt real:

Da die Mitarbeiter in den letzten 12 Wochen wöchentlich 60 Stunden gearbeitet haben, dürfen sie die nächsten 12 Wochen maximal 36 Stunden pro Woche arbeiten. Nur so können sie die durchschnittliche 48-Stunden-Woche im Verlauf von 6 Monaten einhalten.

Dem Unternehmen drohen Klagen von Seiten des Kunden wegen Nicht-Erfüllung der Lieferverträge. Insolvenz durch Nachfrageboom ein noch seltenes – aber vielleicht bald schon normales – Phänomen.

 

Glückauf

Ihr Udo Kiel

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